über Maria Wimmer

 

Vorwort der Vorsitzenden des Vorstands der Maria Wimmer Stiftung, Ursula Utecht Brunner,

aus dem Buch „Maria Wimmer“, Stiftung der Akademie der Künste, Parthas Verlag, 2000 :

 

Maria Wimmers »Paradies«

 

Maria Wimmer lebte im Paradies. Eine seltsame, aber wahre Feststellung. Mitte der fünfziger Jahre hatten sie und ihr Mann, Otto Seemüller, sich entschlossen, in Italien ein Stück Land zu erwerben und ein Haus darauf zu bauen.
Die Suche begann in Sizilien, angeregt durch Reisen dorthin, durch den Besuch in Taormina, wo der schneebedeckte Ätna ihnen zwar den Winter zeigte, die Orangen- und Zitronenhaine sowie die Mimosenbäume aber bereits den Frühling verhießen. Das Angebot an Grundstücken in herrlichster Lage war groß, die Entfernung von München jedoch zu weit. Und außerdem erschien ein Wohnsitz in Sizilien damals noch zu unsicher. Doch sie wollten nicht Abschied nehmen von ihrem Traum.
Die Suche ging weiter: Amalfi und die Umgebung von Rom, schließlich der Garda-See, den sie schon von früher her kannten. Die Suche endete in einem Augenblick, als beide gar nicht suchten: Im Sommer 1957 waren sie wieder einmal beim Bergwandern in Silvaplana / Surlej im Oberengadin, das Wetter wurde schlecht, es schneite. Hinter dem Maloja aber strahlte die Sonne –der blaue Himmel über dem Comer See. Sie verließen das Engadin, fuhren den Paß hinunter, durchs Bergell, und nach wenigen Urlaubstagen am See gab es für beide nur noch eine Frage: Wo, in welchem Ort hier werden wir unser Haus bauen?
Nach weiteren Reisen an den Comer See stand man bald kurz vor dem Abschluß eines Kaufvertrages für ein Grundstück in der Nähe von Lezzeno, nicht ahnend, daß die hinter dem Ort steil aufragenden Berge im Winter keinen Strahl Sonne zulassen würden. Da lernten die beiden in einem Cafe einen Herrn kennen, der auf der anderen Seite des Sees, in Menaggio, wohnte, und dieser führte sie zu einem großen Wiesenhang mit Oliven- und Nußbäumen, hundert Meter über dem Lago di Como, umgeben von Bergen, mit weitem Blick über den See und auf das Bergmassiv der Grigna. Mezzegra sollte ihr Paradies werden.

Maria Wimmer erwies sich als würdige Tochter ihres Architekten-Vaters: Sie entwarf ihr Haus selbst – einen »Würfel« nannte sie es – mit großen Räumen, Keller und Abstellflächen. Ein örtlicher Geometer fertigte aus ihrem Entwurf den Bauplan. Doch wie sollten die Bauarbeiten in diesem Gelände durchgeführt werden? Zum Grundstück führte ein schmaler Saumpfad, den nur ein sehr geschickter Fahrer mit einem kleinen Fiat cinquecento bewältigen konnte. Doch für die Handwerker war all dies kein Hindernis. Sie schachteten den Keller mit der Hand aus und fuhren das Baumaterial mit Dreiradkarren heran. Und im Jahre 1960 war das Haus fertig.
Die Münchner Wohnung behielt das Ehepaar, denn diese war und blieb Mittelpunkt für Maria Wimmers künstlerische Tätigkeit, und vor allem bot sie Raum und Rahmen für die Bilder – u. a. von Emil Nolde, Christian Rohlfs und Max Pechstein –, die sie und ihr Mann im Lauf der Jahre erworben hatten. Nach Maria Wimmers Tod wurde die Bildersammlung, entsprechend ihrer testamentarischen Verfügung, versteigert; den Erlös erhielt die Maria Wimmer Stiftung in München, die in finanzielle Not geratene Schauspieler unterstützt.
Schon bald nach dem Einzug in die »Villa Maria« nannten sie ihr italienisches Domizil ihr »Paradies«. Maria Wimmer lebte dort ihr zweites Leben, ihr »einfaches« Leben. Es trat an die Stelle des künstlerischen, künstlichen Theaterlebens. Sie und ihr Mann genossen es, sich häufig absentieren zu können. Die Postverbindung war sprichwörtlich schlecht; sollte ein Brief wirklich sicher versandt werden, mußte man in die Schweiz – nach Chiasso oder Lugano – fahren, ebenso zum Telefonieren. Was in der Welt geschah, erfuhr man weder aus dem Fernsehen noch aus dem Radio. Die Nachrichten aus der italienischen Tageszeitung genügten beiden. Die unmittelbaren Nachbarn hatten damals nicht einmal elektrisches Licht – abends saß die Familie auf den Stufen ihres Hauses und sang. Später gab es in der »Villa Maria« zwar Telefon, doch kein Fernsehen, denn Otto Seemüller und seine Frau wollten in ihrem Paradies von ihrer leidenschaftlichen Leselust nicht abgelenkt werden.
In Mezzegra war Maria Wimmer »La Signora Seemuller« (mit Betonung auf dem »u«), die deutsche Frau eines »avvocato«, die merkwürdigerweise lieber in Mezzegra wohnte als in München. Pfarrer und Bürgermeister sprachen von ihr als der »artista«. Nach Meinung der Leute im Ort war sie demnach Sängerin. Schauspielerin ließ man sie nicht sein, denn diese – vor allem Theaterschauspieler – genießen in Italien oft wenig Ansehen. Maria Wimmer amüsierte es sehr, daß man sie zur Sängerin avancieren ließ, sie widersprach nie und genoß ihre Anonymität. Diese wurde nur einmal gelüftet: Derrick lief mit großem Erfolg auch im italienischen Fernsehen, und irgendwann gab es eine Folge mit Maria Wimmer. Die Signora wurde erkannt – trotz italienischer Synchronstimme, die als zu hoch beanstandet wurde. Die Reaktion der Leute im Ort schwankte zwischen Stolz und Verunsicherung, doch bald schon war die Episode vergessen, und das Leben im Paradies verlief wieder wie gewohnt.
Maria Wimmer, die sehr scheu und oft ungehalten war, wenn sie sich privat als Schauspielerin erkannt und beobachtet fühlte, war in ihrem »einfachen« Leben in Italien durchaus kontaktfreudig. Sie liebte Gespräche über Gott und die Welt, über das Wetter und –über Garten und Gartenpflege. Denn dem Garten im MezzegraParadies galt ihre besondere Liebe. Es war immer ihr Traum gewesen, einen eigenen Garten zu haben, und dies war nun Wirklichkeit geworden. Im Laufe der Jahre verwandelte sich die Wiese zu einem Park mit zahlreichen Bäumen, Sträuchern und Rosenbeeten. Aber die Bauernwiese mit den Kräutern und Feldblumen – und auch das Unkraut – blieb; sie sollte nicht zum englischen Rasen werden.
Für ihren Garten hatte Maria Wimmer einen »standesgemäßen« Berater, den Cavaliere Paolo Argenti. Sie hatte ihn kennengelernt, als sie bei den Gärtnern der nahegelegenen Villa Carlotta den Namen eines Strauches erfragen wollte. Man betrachtete den mitgebrachten Zweig, schüttelte den Kopf und erklärte ihr, das wisse nur Paolo, der capo. Und wirklich, er wußte den Namen – und zwar den lateinischen, denn einen italienischen Namen hatte die Pflanze nicht. Nach seiner Pensionierung wurde Paolo zum Paradies-Gärtner.
Im Garten, beim Unkrautjäten und Sprengen, lernte Maria Wimmer ihre Rollen, die sie auf postkartengroße Blätter abzuschreiben pflegte und in den Rocktaschen mit sich trug. Und dort, im Paradies-Garten, erreichte sie auch eines Tages die Nachricht von der Wahl in den Orden »Pour le mérite«. Sie war so vertieft in das Pflanzen von Blumen, so weit entfernt von der »anderen Welt«, daß sie, wie sie später erklärte, sich fühlte wie »Herr Heinrich« am Vogelherd.
Und der Garten war auch das Revier der Katzen, die es in dieser Gegend seit Generationen gibt: fast wild lebende Landkatzen. Die erste, die das Paradies als ihr Reich in Besitz nahm, war die »Prinzessin«, schwarz, mit weißem Kragen und weißen Pfoten. Das kleine Bündel hatte die Katzenmutter, die nur ab und zu zum Fressen gekommen war, Maria Wimmer vor die Füße gelegt; danach kam sie nie wieder. Das Kätzchen war anfangs ein kleiner wilder Teufel, der immer hungrig nach Futter schrie und alles, was ihm im Weg lag, zerbeißen wollte. Obwohl klein und zierlich gewachsen, kämpfte die »Prinzessin« später mit den größten Katern um das Paradies – und siegte. Das Erstaunlichste aber war das absolute Zutrauen zu ihrer Herrin. Sie legte Maria Wimmer die Katzenkinder vor die Füße, wenn sie streunen gehen wollte, und sie schleppte sich – verletzt durch Fangeisen oder Revierkämpfe – zu ihr; verkroch sich nicht, wie wild lebende Katzen es eigentlich tun.
Auch der See gehörte zum Paradies. In zehn Minuten zu Fuß erreichbar lag ein Ruderboot. Maria Wimmer und ihr Mann liebten das lautlose Dahingleiten auf dem Wasser. Sie unternahmen lange Ruderfahrten zur Isola Comacina oder nach Balbianello – mit den herrlichen Parkanlagen und Villen, die von Land aus nicht einsehbar sind. Das Boot war zugleich Badeinsel, denn mit Hilfe einer kleinen Leiter konnte man zum Schwimmen in den See steigen, wann immer das Wasser lockte. Das Badevergnügen der Signora, in »mezzo lago«, in der Mitte des Sees, war für die Italiener in all den Jahren Anlaß zu Bewunderung – und unverständigem Kopfschütteln.
Auch Feiern gehörte zum Leben im Paradies: Ostereiersuchen mit den Kindern, »ferragosto« mit den Nachbarn, und zu Weihnachten wurden Freunde und Bekannte zum Besuch der Krippe eingeladen. Die neapolitanischen Krippenfiguren wurden von den Italienern Jahr für Jahr aufs neue als Wunder bestaunt. Maria Wimmer hatte sie Mitte der fünfziger Jahre – auf Gastreise bei den Ruhrfestspielen – bei einem Antiquar entdeckt. Es sind 3 0 bis 40 Zentimeter hohe Figuren im Stil des 18. Jahrhunderts: Maria, und Joseph natürlich, fein gewandete Heilige Drei Könige, begleitet von Adeligen und umgeben von zahlreichen Bürgern und Bauern in den ausdruckvollsten Bewegungen und Gesten – wie sie eben typisch sind für die Barockzeit.
Auch nach Maria Wimmers Tod mußten die Bewohner von Mezzegra nicht auf das Wunder der Krippe verzichten. Sie hat sie ihnen geschenkt. Der Pfarrer der Kirche S. Abbondio, Don Luigi, wahrt die Tradition. Wie einst in der »Villa Maria«, im Paradies, wird nun in einer Seitenkapelle der Kirche – die Weihnachtsgeschichte jedes Jahr in einem anderen Bühnenbild dargestellt.