Akademie der Künste

Das Maria-Wimmer-Archiv der Akademie der Künste

 

 

Maria Wimmer hat von ihren ersten Auftritten an die Zeugnisse ihres Schaffens gesammelt, aufbewahrt und glücklicherweise, was leider eine Seltenheit ist, über die Zerstörungen des zweiten Weltkrieges hinweggerettet.

Ihrem Werk begegnen wir in erster Linie in den dokumentarischen Materialien zu den Rollen. Es handelt sich hier um eine beinahe lückenlose Dokumentation ihrer schauspielerischen Laufbahn von den Anfängen an der Schauspielschule in Leipzig (1930/31), über Stettin (1931-34), Frankfurt am Main (1934-37), Hamburg (1937-47) und München (1947-54), der Zeit als freie Schauspielerin an verschiedenen Häusern bis zu ihrer letzten großen Rolle als Volumnia in der Salzburger Festspielaufführung von Shakespeares Coriolan 1993/94.

Der Inhalt dieser Aufführungsdokumentationen variiert. In der Regel enthalten sie das eingestrichene und oftmals mit Anmerkungen versehene Rollenbuch, das Programmheft, die Kritiken, die zu der jeweiligen Aufführung erschienen sind und eine Anzahl Aufführungs- und Rollenfotos. Darüberhinaus können noch Zuschauerbriefe dabei sein und in einigen wenigen Fällen sind noch weitere Materialien erhalten, die Maria Wimmer für das Rollenstudium verwendete – seien es Berichte und Bilder anderer Inszenierungen dieses Stückes, seien es abweichende Übersetzungen, wenn es sich um ein fremdsprachiges Stück handelte, oder Assoziationsmaterial, historisches Material u.ä.

Einige Male enthält das Material zu den Rollen auch einen Bühnengrundriß, oder Notizen über Kostüme. In einem Fall, Peter Hacks‘ Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe, ein Monolog, den sie 1977 mit Klaus Emmerich einstudierte und mit dem sie durch die ganze Bundesrepublik tourte, sind neben einem genauen Bühnenaufriß, Skizzen der Möbel und Requisiten, Kostümskizzen und sogar Stoffproben erhalten.

Anhand dieser Materialien gewinnt man über den individuellen Werdegang von Maria Wimmer hinaus auch noch Aufschluß über die Entwicklung des deutschen Theaters von den 1930er bis in die 1990er Jahre hinein. Verbunden mit Briefen von und an Regisseure wie Hans Meissner, Karl Wüstenhagen, Walter Felsenstein, Bertolt Brecht (mit dem sie nie arbeitete), Boleslaw Barlog, Fritz Kortner, Hans Schweikart, Leonard Steckel, Ludwig Berger, Oscar Fritz Schuh, Karl Heinz Stroux, Gustav Rudolf Sellner, Rudolf Noelte, um nur die wichtigsten zu nennen, ergibt sich ein Panorama der deutschen Theaterlandschaft.

Ihre Sprachkunst ist auf Platten und Tonbändern festgehalten, die ebenfalls Bestandteil des Archivs sind, und es gibt – wenn auch nur wenige – Filme auf VHS-Kassetten.

40 Jahre lang, seit 1956 war Maria Wimmer Mitglied der Akademie der Künste und hat sich in dieser Zeit sehr stark für deren Belange engagiert. Aber auch ihre Tätigkeit in anderen Institutionen wie die Bayerische Akademie der schönen Künste oder dem Orden Pour le Mérite ist dokumentiert und zeigt auf, wie gewissenhaft Maria Wimmer diese Mitgliedschaften wahrnahm, die für sie nicht nur Ehre, sondern auch Verpflichtung bedeutete.

Maria Wimmer war eine fleißige Briefschreiberin und ihr Briefnachlaß enthält über die erwähnten Regisseure hinaus noch Briefwechsel mit Schauspielerkolleginnen und -kollegen, mit Bühnenbildnern, aber auch mit befreundeten Künstlern anderer Gattungen, wie z.B. dem Bildhauer Hans Wimmer, mit dem sie übrigens weder verwandt noch verschwägert war, oder bekannten Wissenschaftlern, wie dem Anglisten Wolfgang Clemen und dem Literaturwissenschaftler Erich Trunz.

Das biografische Material gibt von einer ganz anderen Seite her Aufschluß über den Werdegang von Maria Wimmer. So ist in den Spielzeitverträgen das jeweilige Rollenfach ablesbar, von der „Anfängerin“ in Stettin 1931/32, der „charakterisierenden Liebhaberin“ (1932/33), der „Sentimentalen und jugendlichen Charakterspielerin“ (1933/34) bis zur „schweren Sentimentalen, jugendlichen Heldin und Liebhaberin, Rollen nach Individualität“ (Frankfurt/M., 1937/39).

In den 50er Jahren wird Maria Wimmer freie Schauspielerin, bindet sich nicht mehr fest an ein Haus, sondern gastiert in München, Düsseldorf, Hamburg und Berlin in den Glanzrollen ihrer Wahl in Inszenierungen von Regisseuren Ihrer Wahl und feiert ihre großen Triumphe. Was diese Freiheit aber an Verhandlungsgeschick und Überredungskunst kostete, davon erzählen die umfangreichen Briefwechsel mit Agenten, Theatern und Regisseuren. Maria Wimmer mußte Managerin sein, um ihren Anspruch durchzusetzen und sie war es nicht aus Fleisch und Blut, sondern aus der Notwendigkeit heraus, ihrer Verantwortung als Künstlerin gerecht zu werden.

Hinzuweisen wäre noch auf einzelne Erinnerungsstücke, die Maria Wimmer aufbewahrt hat. So gibt es zum Beispiel die letzten Tageszeitungen Hamburgs vor Kriegsende und die ersten der Militärregierung. Es existieren Zeitungen von herausragenden Ereignissen der 1930er und 1940er Jahre, die ein waches Interesse Maria Wimmers an den Vorgängen auch außerhalb der Welt des Theaters dokumentieren.

Der künstlerische Nachlaß von Maria Wimmer wurde der Berliner Akademie der Künste von der Testamentsvollstreckerin Frau Utecht-Brunner geschenkt. Die Archivabteilung Darstellende Kunst und Film bearbeitet den Nachlaß, der ungefähr 18 Regalmeter umfaßt, und stellt ihn der interessierten Öffentlichkeit und der Wissenschaft zur Verfügung.

Ihre umfangreiche Garderobe, die neben Privatkleidern auch Theaterkostüme einschloß, wurde dem Modemuseum München übergeben.

 

Stephan Dörschel

Abteilungsleiter
Archiv Darstellende Kunst
Akademie der Künste, Berlin

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